Jens Reichert
Plastische Arbeiten
2000 – 2005

Plastisch, greifbar, stets mit Raum, Volumen verbunden sind alle Arbeiten Jens Reicherts. Selbst seine Tafelbilder und die hier nicht dokumentierten Klangarbeiten sind geprägt von einer Körperlichkeit, die sich dreidimensional entfaltet. Sie alle sind augenfällig Teil der physischen Welt, ihnen eignet eine ausgeprägt dinghafte Seite, was nicht ausschließt dass eben diese Materialität durch eine Blickverschiebung transzendiert wird: Auf den ersten Blick ist Großes Gefäß ausschließlich physisches Objekt. Gesehen wird zunächst seine hölzerne Außenwandung, das sich über dem Standring bauchig wölbende Volumen, seine partielle Rücknahme zum weißen Randwulst hin. Der Eindruck körperlicher Präsenz, die Ahnung seines Gewichts werden jedoch beim Blick in das Innere abgelöst durch die Empfindung eines unbestimmt weiten Raums. Keine Kante, keine Linie gibt dem Auge Halt im Weiß. Immateriell, offen, licht und leicht erscheint dieser Innenraum. Wer wiederum ein wenig zurück tritt, wird den Eindruck des Ausgedehnten gegen das definierte Volumen des Gefässes, seine begrenzte und begrenzende (Gebrauchs)Form tauschen.
Der Zusammenhang von Außen und Innen ist von grundlegender Bedeutung für die Arbeit Reicherts. Kaum eine Plastik, die nicht eine Öffnung aufweist. Dem solchermaßen stets präsenten elementaren Gegensatz von Innen und Außen kommen verschiedene Bedeutungen zu. Zum einen wird durch den Blick ins Innere die stets sorgfältige technische Konstruktion der Skulpturen ein Stück weit einsehbar. Zum anderen macht die Opposition Innen / Außen die gegenseitige Bedingtheit von umschlossenem Innenraum und umschließender äußerer Form sichtbar. Anschaulich wird so die Entstehung von Volumen und Plastizität, entsteht eine Form von Ganzheit. Nicht zuletzt sind Außen und Innen existentielle Kategorien. Verkürzend ist das Außen mit physischer Welt, der Realität des Materiellen, dem Meß- und Benennbaren verbunden, während dem Inneren Gedächtnis und Erinnerung, das ungeformte, Entgrenzte zugeordnet werden. Dieser fundamentale Zusammenhang deutet, zumal vor dem Hintergrund der seit Alters her bestehenden metaphorischen Verbindung von leiblichem Körper und Gefäß – corpus quasi vas – einen denkbaren Hintergrund des Werks an.
Lange war ausschließlich Holz das Kernmaterial aller Arbeiten des auch zum Schreiner ausgebildeten Künstlers; erst 2004 kam Karton als weiter Option hinzu. Die meisten nach 2000 entstandenen Arbeiten sind aus zahlreichen Sperrholzschichten aufgebaut. Dieses Vorgehen ermöglicht die Konstruktion präziser Körper: So schiebt sich die elementare, vollständig geschlossene Form Oval (grünblauoxid) als ein minimal, aber nachhaltig den Eindruck einer regelmäßigen Kugel irritierender Körper in den Raum; der Zwischenton seiner farbigen Fassung korrespondiert mit seinem Verhalten zwischen Vordringen und Innehalten. Auch organische Formen, diese im Gegensatz zur sonst dominierenden Symmetrie oft mit einer Tendenz zum Ungleichseitigen, wurden und werden mittels Sperrholz realisiert. Beispiel hierfür ist Volumen (vollmilch), ein mit seiner oberen Verbreiterung der Schwerkraft entgegen arbeitender Körper, zugleich ein Verweis auf das Vokabular klassischer Abstraktion, der durch den Titel ironisch gebrochen wird.
Verlangt die Arbeit mit dem Sperrholz genaue Vorüberlegungen und lässt nur geringfügige Änderungen des Ausgangskonzepts zu, so ermöglicht der Werkstoff Karton einen organischen, prozeßhaften Bau. Welche neuen Möglichkeiten dieses Material eröffnet, zeigt exemplarisch Kubus I. Mit dieser Arbeit erschließt sich Jens Reichert ein neues Formvokabular, arbeitet erstmals ausschließlich mit rechtwinkligen Elementen. Ganz aus Kuben und Flächen aufgebaut verheißt dieses auf Architektur verweisende und doch als Skulptur ganz eigenständige Objekt aus unterschiedlich bemessenen Öffnungen und verschlossenen Partien eine mutmaßlich regelhafte Konstruktion. Auch beim wiederholten Umschreiten der allansichtigen Skulptur erschließen sich ihre Baugesetze jedoch nicht, verdankt sie sich doch, einem erst mit dem Karton möglichen, ergebnisoffenen Arbeiten.
Das Bedürfnis dem nur als unfertigen Rohling empfundenen Körper aus Holz oder Karton eine individuelle Fassung zu geben, verbindet alle Arbeiten bis heute. Jede von ihnen weist eine eigene Farbdichte, einen spezifischen Grad an Glanz oder Mattigkeit auf. Sie gehen hervor aus einem aufwändigen Prozeß: Lack und Pigment, werden wiederholt aufgetragen und geschliffen, um Volumen und Oberfläche zu einer Einheit zu verbinden.
Zahlreiche Arbeiten beziehen sich auf die Wand. Sie entfalten sich dort als Volumen in Spannung zur Wandfläche oder werden als plastische Vollkörper auf einem Brett gereiht präsentiert. Bildhaft und doch vorrangig am Plastischen orientiert ist diese Relation. Obwohl Jens Reichert kein Maler ist, entstand 2005 die Gruppe der Tafelbilder. Holzplatten dienen als Bildträger, eine Unterkonstruktion hebt sie von der Wand ab, was ihnen etwas Objekthaftes verleiht. Ihre individuellen Bildoberflächen resultieren aus unterschiedlichen Bearbeitungen der meist mit einer Stoffschicht überzogenen Träger mit diversen Lacken bzw. Leim und Pigmenten. Die dabei entstehenden Strukturen erinnern vor allem an das Repertoire der essentiellen Malerei und doch distanzieren sie sich von derartigen Vorgaben. Sie sind Bild-Paraphrasen, die nicht darauf verzichten Bild zu sein und zugleich sind sie Gegenstände wie Lampe oder Fernseher, mithin greifbare Gegenstände unserer Wohn- und Lebensräume.
Das Thema des Innenraums ist nicht nur in formaler und gestalterischer Hinsicht wichtig. Die Beschäftigung mit dem privaten Raum, dem Interieur und vor allem den dort vorhandenen Objekten ist ein wichtiges Thema der Arbeit. Bereits Notation (bolus) oder Hohlkörper und Hohlkegel verweisen in ihrer Formensprache auf Gebrauchsgegenstände, setzen sich mit den elementaren plastischen Qualitäten einfacher Gefäße auseinander. Wird die Alltagsseite dieser Arbeiten zumindest am Rande mitgesehen, so rückt besonders in den 2005 entstandenen Plastiken das konkrete Ding mit seinen Bezügen zu Kunst und Leben ins Zentrum der Auseinandersetzung: Gehäuse I ist unschwer als stilisierter Monitor oder Fernseher zu identifizieren. Auftrumpfend körperlich verrückt es die Aufmerksamkeit weg vom (ausgesparten) zweidimensionalen Bild hin zur betont dreidimensionalen, sonst außer Acht gelassenen Bildumgebung, dem Gehäuse. Das der Arbeit Oval (oval) zugrunde liegende Objekt schärft die in manchen Werken Jens Reicherts bewußt angelegte Reibung zwischen skulpturalem (Kunst) Anspruch und der Banalität ihrer Gegenstandsseite zunächst zu. Das Pissoirbecken, das Oval (oval) auch ist – besonders, wenn es in „Funktionshöhe“ angebracht wird, die ebenfalls mögliche Präsentation in Augenhöhe betont stärker plastische Aspekte – ist zugleich eine komplexe Auseinandersetzung mit Duchamps Readymade Fountain (1917).
Bei diesen vielfältigen Bezügen der gegenständlichen Arbeiten zum Alltäglichkeitsraum des Wohnens und Jens Reicherts Interesse an der Bildung fester Werk-Ensemble oder größerer Zusammenhänge ist es nur konsequent, die Ausstellung, die Anlass dieser Publikation gewesen ist, Zimmer I – III zu nennen; gezeigt wurden gegenständliche Arbeiten und andere Skulpturen, Tafelbilder, ein Klangstück. Der Titel versetzt alle Arbeiten in den gemeinsamen Kontext einer alltäglichen Umgebung – freilich ohne das diese realistisch inszeniert wurde – zu der ebenso selbstverständlich Bilder und Plastiken wie auch „Gebrauchsgegenstände“ gehören. Der Bezug zum Alltagsraum macht exemplarisch deutlich, in wie weit die über vermeintliche Unterschiede hinweg ein dichtes Beziehungsgeflecht bildende Arbeit Jens Reicherts einen „Sitz im Leben“ hat: Als „plastische Realitäten“, wie er sie nennt, zielen sie ab auf die Plastizität der Realen. Auf jeweils eigene Weise stiften sie eine auf das Dreidimensionale und Körperhafte der Welt gerichtete Wahrnehmung an, schärfen unsere Aufmerksamkeit für das Voluminöse, Räumliche und verhelfen so zu einer volleren Wirklichkeit.

Jens Peter Koerver

 
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